
Die Geisterfahrt (1)
22.12.2019, 0.36 Uhr. Eine Straßenbahn fährt durch die nächtliche Stadt. Der nächste Haltepunkt naht - doch die Wagen stoppen nicht. Einige der 20 Fahrgäste werden zwar misstrauisch, ahnen jedoch nicht, in welch großer Gefahr sie sich befinden.
Der Grund: Der Fahrzeugführer ist ohnmächtig geworden. Bewusstlos liegt er mit seinem ganzen Körpergewicht auf dem sogenannten Totmannschalter. Dieser muss dauerhaft gedrückt bleiben - wird er losgelassen, leitet die Elektronik nach wenigen Sekunden automatisch eine Zwangsbremsung ein. Doch da der Körper des Fahrers den Schalter weiterhin betätigt, greift die Sicherung nicht.
Erneut überfährt die Straßenbahn einen Haltepunkt. Inzwischen hat sie über 80 km/h erreicht. Jemand zieht die Notbremse, doch die Bahn fährt ungebremst weiter. Denn die Notbremse bewirkt lediglich, dass der Fahrer ein Warnsignal erhält - das der Bewusstlose aber nicht wahrnimmt. Daraufhin betätigen einige Fahrgäste die Notentriegelung der Türen, aber auch das bringt die Bahn nicht zum stehen. Nur die Fahrmotoren werden abgeschaltet, so dass die Bahn jetzt ausrollt - allerdings viel zu schnell. Sie rast über mehrere Bahnübergänge, ohne dass sich die Schranken schließen. Denn die Steuerkontakte, die das auslösen, sind auf eine derart hohe Geschwindigkeit nicht ausgelegt - sie reagieren zu langsam. Und noch immer rollt die Bahn ungebremst dahin.
Ist diese Geisterfahrt nicht ein Bild meines Lebens? Ich lebe, habe aber keine Kontrolle darüber. Ich renne und hetze durch den Tag, aber kann nicht anhalten. Manchmal spüre ich, dass das Tempo meines Lebens gefährlich ist - doch ich ahne nicht, wie groß die Gefahr wirklich ist. Wo ist der Totmannschalter, der mich retten kann?