
Gedanken zum Markus-Evangelium
In der vergangenen Nacht herrschte in Jerusalem keine Ruhe. Die religiösen Führer waren eifrig damit beschäftigt, den Nazarener Jesus zu verurteilen. Die vielen Zeugen der Anklage widersprachen sich gegenseitig. Nur weil Jesus den Anspruch erhob, dass Er Gott gleich sei, erklärte man, dass Er „des Todes schuldig“ sei (Kap. 14,64).
Am frühen Morgen tritt das Synedrium, der höchste Gerichtshof der Juden, offiziell zusammen. Er ist sowohl für religiöse als auch für zivile Fragen zuständig und soll das rechtskräftige Urteil fällen. Hier findet die dritte Verhandlung statt, die der Evangelist Markus in einem Satz zusammenfasst, während Lukas ausführlicher darüber berichtet (vgl. Lukas 22,66–71).
Das Urteil steht fest: Jesus muss sterben. Allerdings hat die römische Besatzungsmacht den Juden das Recht entzogen, die Todesstrafe zu vollstrecken (vgl. Johannes 18,31). Deshalb sind sie auf die Hilfe des Statthalters Pilatus angewiesen. Ihm muss eine nachvollziehbare Begründung vorgelegt werden, da der große Festsabbat unmittelbar bevorsteht und der Prozess zügig weitergeführt werden muss.
Pilatus war kein Mann mit Mitgefühl - im Gegenteil: Er war ein grausamer Herrscher (vgl. Lukas 13,1). Der jüdische Schriftsteller Philo (ca. 15 v. Chr.-45 n. Chr.) schreibt über ihn, dass er nicht gewillt war, etwas zu tun, was seinen jüdischen Untertanen hätte gefallen können. Dass die Juden mit ihrem Anliegen zu diesem verhassten Statthalter kommen, zeigt, wie fanatisch ihr Eifer ist, den Sohn Gottes hinrichten zu lassen.
Jesus wird gefesselt und abgeführt, als wäre Er ein gefährlicher Verbrecher. Was für eine Beleidigung! Doch Er schweigt.